Eine Schulgeschichte
Wenn Du die Neuetorstraße
Richtung Reppenstedt fährst, über die Kreuzung weg, gleich
hinter Blumen-Wrede, ist dort auf der linken Seite die
Hermann-Löns-Schule. Ich glaube, damals hieß sie noch
Grund- und Hauptschule „Im Grimm“, weil die Straße
da so heißt. Es ist ein uraltes Gemäuer aus dem vorletzten
Jahrhundert, so, wie man sie aus der „Feuerzangenbowle“
kennt.
Sie versteckt sich von der Straße
aus hinter riesigen Bäumen, hie und da kannst Du Teile der
moosbewachsenen Mauern erkennen, wenn Du Richtung Fachhochschule
fährst.
Und hier genau beginnt meine
Geschichte.
Ich glaube, es war im Sommer 1966, als
ich von Deutsch Evern aus dorthin wechselte. Mein Vater hatte einen
Job in Lüneburg bekommen und wir zogen in ein Haus ganz in der
Nähe. Damals kam ich von der vierten in die fünfte Klasse
und der Wechsel war natürlich ziemlich blöd, kannst Du Dir
ja vorstellen. Immerhin hab ich ja ziemlich lange in Deutsch Evern
gewohnt und bin dort auch eingeschult worden.
Jetzt musste ich mir natürlich
erstmal neue Freunde suchen.
Das ging schneller als ich dachte. Im
Nachbarhaus wohnte ein Junge meines Alters, der hieß Thomas.
Wir lernten uns kennen und, um es kurz zu machen: Wir wurden dicke
Freunde. Thomas ging schon von Anfang an auf diese Schule, von daher
war der erste Tag nicht ganz so schlimm.
Und dann kam er, der erste Schultag
nach den Sommerferien. Ich weiß nicht, ob Du Dich noch daran
erinnern kannst, aber es war ein heißer Sommer damals. Thomas
und ich verabredeten uns morgens und marschierten los. Der Schulweg
war ja kurz, nur etwa zehn Minuten. Unterwegs erzählte er mir
schon einmal ein paar Einzelheiten aus der Schule: Welche Lehrer mit
Vorsicht zu genießen waren, welche in Ordnung waren, dass der
Hausmeister ein ziemlicher Zerberus ist und so weiter und so weiter.
Das Übliche also. Insiderwissen, würdest Du heute sagen.
Wir waren 35 Mädchen und Jungen in
der Klasse, das war ja damals normal. Der erste Schultag war, kurz
gesagt, besser als ich dachte, die Mitschüler und
Mitschülerinnen waren alle nett und im Laufe der nächsten
Tage konnte ich noch einige Freunde und Freundinnen hinzugewinnen.
Es geht aber weniger um meine Klasse
und um die Schulkameraden. Damit Du Dir ein Bild von dem machen
kannst, was meine Geschichte betrifft, muss ich Dir das Schulgebäude
näher beschreiben. Denn meine Geschichte hat eigentlich nur am
Rande mit meiner Klasse zu tun. Du kennst sicher diese alten Schulen:
Man geht über eine große Freitreppe vom Schulhof aus in
eine Vorhalle. Von dort gehen links und rechts Gänge ab, der
Rechte führte zum Sekretariat, Lehrerzimmer und dem Büro
der Schulleitung, der Linke zu den Biologie-, Chemie- und
Physikräumen. Gerade zu, links, führt eine Treppe in das
obere Stockwerk, unsere Klasse befand sich in einem Gang im
Erdgeschoss, wenn man durch die Halle geradeaus an der Treppe vorbei
ging. Hinaufgegangen bin ich diese Treppe bislang noch nie, ich hatte
ja nie einen Grund.
Ich fragte Thomas einmal, was denn da
oben noch wäre. Er meinte, dort befanden sich damals die Klassen
der Hauptschule, jetzt ist da oben aber nichts mehr, nur ein paar
leere Klassenräume. Genaueres konnte er auch nicht sagen, weil
er selbst nur ein- oder zweimal dort war. Mich machte das natürlich
neugierig und ich beschloss, in der nächsten Pause einmal
heimlich diese Treppe hinauf zugehen.
Es war Montag, glaube ich, und es
klingelte zur großen Pause. Als meine Mitschüler auf den
Schulhof stürmten machte ich mich daran, schnell diese Treppe
hochzulaufen. Am ersten Treppenabsatz, daran kann ich mich noch genau
erinnern, hing an der Wand ein Wildschweinkopf, der allerdings
reichlich verstaubt aussah. Oben angekommen erstreckte sich ein
langer Gang, an dessen rechter Seite sich am Anfang und am Ende
jeweils eine Tür befanden, links waren die Fenster zum Schulhof.
Zwischen den beiden Türen, etwa in der Mitte des Ganges, stand
ein riesiger Schrank, in dem sich allerlei Kunstwerke aus
unterschiedlichen Epochen des Werkunterrichts befanden. Teils kaputt,
Teils verstaubt, einige waren aber auch ganz schön. Als ich mich
dem Schrank näherte um mir die Sachen genauer zu betrachten,
erschrak ich plötzlich. Es war, als hätte ich Stimmen
vernommen, die aus der Wand hinter dem Schrank kamen. Das war erstmal
merkwürdig, weil ja Pause war und sich ja eigentlich niemand in
den Klassen befand, außerdem wird hier oben ja, nach Aussage
von Thomas, kein Unterricht mehr abgehalten.
Neugierig wie ich war ging ich zu der
Tür, die sich am Anfang des Ganges befand, also rechts vom
Schrank. Ich schaute hinein, der Klassenraum war aber leer, Tische
und Stühle standen aufeinander gestapelt an einer Wand, es roch
muffig.
Genauso war es mit der linken Tür
am anderen Ende, hier war auch niemand. Hier war schon sehr lange
niemand mehr. Aber ich konnte auch von hier aus, von der rechten Wand
her, deutlich die Stimmen hören. Es waren fröhliche
Stimmen, ein Kind schien zu lachen.
Mir fiel allerdings auf, dass die
Klassenräume gar nicht so groß waren. Da war also rechts
einer und links einer, aber was war zwischen diesen beiden Räumen?
Irgendwie verstand ich das ganze damals nicht so recht. Ich wollte
gerade wieder heruntergehen, weil sich die Pause langsam dem Ende
näherte, als ich, während ich den Schrank passierte wieder
Stimmen hörte. Sie kamen eindeutig aus der Wand hinter diesem
Schrank. Ich blieb stehen und lauschte:
Die Stimme eines Mannes war deutlich zu
erkennen, zwischendurch auch die Stimmen einiger Kinder. Ab und zu
ein Lachen, ein Rascheln und Klappern, dann wieder Stille. Wenn es
nicht so unwahrscheinlich wäre, klang es so, als würde dort
eine Unterrichtsstunde abgehalten.
Aber wo?
Die beiden Klassenräume links und
rechts waren ja leer und dazwischen gab es keine Tür.
Nur den riesigen Schrank.
Mir wurde plötzlich kalt. Ich
bekam eine Gänsehaut. Dann zuckte ich zusammen, weil in diesem
Moment die Glocke ertönte. Ich rannte die Treppe hinunter und
begab mich in die Klasse.
Du kannst Dir sicher vorstellen, dass
mich dieses Ereignis nicht mehr losließ. Und natürlich
kannst Du Dir vorstellen, dass ich, neugierig wie ich war, das
nächste Mal wieder dort war.
Und jetzt kommt Herr Radomski ins
Spiel.
Her Radomski war unser Hausmeister. Er
herrschte, nach Auffassung der Kinder, wie ein Lindwurm über
sein Reich und alle hatten einen Riesen Respekt vor ihm. Und er
achtete natürlich peinlichst genau darauf, dass sich in den
Pausen niemand an Plätzen aufhielt, wo er nichts zu suchen
hatte. Zum Beispiel im Ersten Stock.
Ich glaube, es war Mittwoch, als ich,
schon routinemäßig die Treppe hinaufschlich um am Schrank
zu lauschen. Diesmal war Thomas mit dabei, er war der Einzige, dem
ich davon erzählte. Tatsächlich ertönten wieder die
Stimmen. Es klang wieder ausgesprochen fröhlich, Kinder lachten
laut und zwischendurch sagte die Lehrerstimme irgendetwas, wir
verstanden es allerdings nicht.
Als ich zu Thomas blickte, sah ich,
dass sein Gesicht kreidebleich war.
„Was hast Du?“ Fragte ich.
„Das ist die Stimme von Herrn
Lux!“ Sagte er. „Aber Herr Lux ist doch tot.“
So, wie Thomas mich jetzt anschaute,
muss ich schrecklich ausgesehen haben. Mindestens genauso bleich wie
er. Ich spürte, wie mein Herz zu klopfen begann.
„Wieso tot? Das musst Du mir
genauer erklären.“ Sagte ich.
Doch als Thomas gerade den Mund öffnete
um zu antworten tippte uns jemand auf die Schulter:
„Na, was macht Ihr denn hier?
Warum seid Ihr nicht draußen?“
Es war der Zerberus. Der Lindwurm.
Es war Herr Radomski.
Wir stammelten irgendetwas
unverständliches und mit unseren bleichen Gesichtern sahen wir
sicher schrecklich aus. Ich glaube nicht, dass er uns die Geschichte
mit den Stimmen abgenommen hätte.
Oder wusste er vielleicht mehr als wir
dachten?
Auf jeden Fall tat er nicht das, was
wir erwarteten: Er machte überhaupt keine Anzeichen zu schreien
oder zu schimpfen, die Standpauke blieb komischerweise aus.
Er schaute uns nur mit sehr ernstem
Gesicht an, sein Blick wechselte zwischen dem Schrank und uns hin
und her und sprach daraufhin mit ruhiger Stimme: „Geht jetzt
bitte auf den Schulhof. Ihr wisst doch, dass Ihr in der Pause hier
nichts zu suchen habt.“
Ziemlich verwirrt gingen wir die Treppe
hinunter. Ich drehte mich auf dem Absatz noch einmal um und sah ihn
immer noch am Schrank stehen. Der Wildschweinkopf starrte ins Leere.
Du fragst jetzt sicher, warum ich
Thomas nicht weiter gelöchert habe wegen diesem Lehrer, Herrn
Lux, der ja angeblich tot sein sollte. Das hab ich deshalb nicht
getan, weil uns jemand zuvorgekommen ist.
Nämlich Herr Radomski.
Als es zum Schulschluss klingelte und
wir alle aus der Klasse stürmten bat unser Klassenlehrer mich
und Thomas zu sich.
„Habt Ihr beide noch einen Moment
Zeit?“ Fragte er. „Unser Hausmeister kam vorhin zu mir
und berichtete, dass er Euch im oberen Stockwerk erwischt hatte.“
Ich bekam weiche Knie und erwartete schon eine gesalzene Strafarbeit.
Unser Klassenlehrer schien das zu bemerken und beruhigte uns: „Keine
Angst. Es ist zwar nicht erlaubt, sich in den Pausen im Schulgebäude
aufzuhalten, das hat aber nichts damit zu tun, weshalb ich mit Euch
reden möchte.“
„Herr Radomski kam zu mir, weil
Ihr dort oben an diesem Schrank standet. Ich möchte Euch eine
Geschichte erzählen.“
„Vor zwei Jahren hatten wir noch
eine siebte, achte und neunte Klasse. Die wurden im letzten Jahr
aufgelöst, weil wir jetzt nur noch Grundschule sind. Seitdem
stehen die Räume da oben leer.“
„Bis auf einen.“ Sagte er
nach kurzer Pause.
Mir wurde wieder kalt und mein Herz
begann laut zu klopfen.
„Ihr müsst wissen, dass es
Dinge gibt, die kann man einfach nicht erklären. Sie tauchen
eines Tages in unserer Welt auf und verschwinden wieder genauso
plötzlich wie sie gekommen sind.
Auf jeden Fall befindet sich dort, wo
der Schrank jetzt steht, eine Tür. Und wie Ihr wahrscheinlich
richtig vermutet habt, ist hinter dieser Tür ein Klassenraum.
Das war damals die siebte Klasse von Herrn Lux. Es geschah im Juni
letzten Jahres: Die Klasse sieben wollte einen Ausflug machen, es
sollte nach Cuxhaven gehen. Die Klasse hatte einen Bus gemietet, der
holte sie morgens früh von der Schule ab.
Was dann geschah, weiß ich nur
aus der Zeitung:
Auf der Fahrt muss der Fahrer
irgendwann eingeschlafen sein. Der Bus fuhr gerade über eine
Brücke, durchbrach die rechte Leitplanke und stürzte in die
Tiefe. Er drehte sich dabei einmal um die Längsachse und landete
auf dem Dach. Durch die Wucht des Aufpralls wurde das Dach komplett,
bis auf Höhe der Sitzlehnen eingedrückt, niemand überlebte
diesen Unfall. Ich sah das Bild in der Zeitung, es war schrecklich.“
Er machte eine Pause und sah unsere
schreckensbleichen Gesichter. Ich hatte feuchte Hände, ein
kalter Schauer lief über meinen Rücken. Thomas ging es
genauso.
Dann fuhr er fort: „Vom darauf
folgenden Tag an waren jedenfalls die Stimmen aus dem Klassenraum zu
hören. Öffnete man die Tür, war aber niemand dort.
Herr Radomski machte dann den Vorschlag, die Tür mit einem
großen Schrank zu verstellen. Würdet Ihr heute diesen
Klassenraum betreten, würdet Ihr alles genauso vorfinden wie am
Tag vor der Klassenfahrt. Die Tür wurde seitdem nie wieder
geöffnet und Ihr wisst jetzt auch warum: Damit Herr Lux seine
Kinder in Ruhe unterrichten kann, so, wie er es immer getan hat und
wie er sie wohl noch für alle Zeiten unterrichten wird.“
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