Das Jüngste Gericht
Es war so gegen 6:00
Uhr, der 31. Mai; ich stand in der Küche und hantierte an der
Kaffeemaschine. Stockdunkel war es, und ziemlich kalt an diesem
Morgen. Ich schaltete das Radio ein um die Nachrichten zu hören,
leider war außer einem Rauschen nichts zu vernehmen –
wahrscheinlich hatte ich den Sender verstellt. Ich drehte am Knopf,
doch ohne Erfolg, ich gab es auf: Erstmal duschen, dann sehen wir
weiter.
Ich war gerade auf dem
Weg ins Bad als ich vom Küchenfenster aus laute Geräusche
hörte. Meine Nachbarin schien sich mit jemandem zu streiten, was
für diese Uhrzeit ziemlich ungewöhnlich war. Ich schaute
aus dem Fenster hinunter auf den Weg. Frau Günther, eine Frau
jenseits der 70, stand im Bademantel von ihrer Haustür und
zeterte. Mein Nachbar, Herr Hansen, befand sich auf dem Plattenweg
vor unserer Reihenhauszeile und brüllte zurück. Sie hatten
offensichtlich Streit, aber warum der ausgerechnet um diese Zeit
ausgetragen werden musste, war mir schleierhaft. Und noch etwas
Merkwürdiges fiel mir auf: Frau Günther stand in
ungewöhnlich steifer Haltung da, ihre Arme schlugen wie wild auf
und ab und es schien, als ob sie ihren Mund nicht selbstständig
bewegte sondern dass ihn jemand mit Gewalt aufriss und schloss. Ihr
Kopf wirbelte dabei ständig von links nach rechts herum. Auch
Herr Hansen benahm sich seltsam. Er hatte eine ebenso steife Haltung,
doch sprang er immer wieder aus dem Stand in die Höhe. Auch bei
ihm schien es mir, als würde jemand seinen Kiefer aufreißen
und zupressen. Zudem flogen Arme und Beine ein paar Mal auseinander
und er sah aus wie ein Hampelmann. Um was es bei dem Streit ging
konnte ich nicht feststellen, da sie völlig unverständliches
Zeugs schrien. Es klang wie eine fremde Sprache. Mittlerweile
streckten beide sich gegenseitig die Zungen heraus, allerdings sah es
eher so aus, als ob sie jemand gewaltsam aus dem Mund herausriss.
Herr Lehmann kam dazu und schüttelte mit einer solchen
Geschwindigkeit den Kopf, dass mir bei dem Anblick schon schwindelig
wurde. Er machte eine schnelle Drehung nach links und knallte mit
voller Wucht gegen den Lamellenzaun, der unsere Reihenhauszeile von
der davor liegenden trennte. Er hüpfte hoch, sprang zurück,
wirbelte Arme und Beine nach hinten und knallte wieder dagegen,
wobei es aussah, als wurde er von einer unsichtbaren Kraft gestoßen.
Soweit ich es im Dunkeln erkennen konnte war sein Gesicht ziemlich
lädiert, obwohl überhaupt kein Blut zu sehen war, was dazu
führte, dass ich umgehend eine ziemlich heftige Gänsehaut
bekam. Er stand jetzt kraftlos herum und grinste Frau Günther
an. Seine Beine waren ganz komisch eingeknickt und seine Arme
baumelten kraftlos herum, dabei bewegte er sich langsam auf sie zu.
Aus der Gänsehaut wurde ein heftiger Schauer, der so langsam den
Rücken herunterlief.
Das war alles nicht
normal, was ist hier los?
Ich erschrak plötzlich
heftig, als die Kaffeemaschine anfing zu fauchen und zu zischen. Der
Kaffee war durchgelaufen und ich hab immer noch nicht geduscht. So
langsam sollte ich mal damit anfangen, schließlich wollte ich
ja auch irgendwann einmal zur Arbeit. Meine Neugier war allerdings
größer und ich wagte noch einen Blick aus dem Fenster:
Herr Lehmann bewegte sich jetzt ständig den Weg auf und ab,
allerdings sah es eher so aus als wurde er von unsichtbarer Hand
geschoben. Seine Beine bewegten sich dabei überhaupt nicht,
wahrscheinlich waren sie auch durch die ständige Kollision mit
dem Lamellenzaun (der an der besagten Stelle übrigens jetzt
zerstört war) gebrochen. Schmerzen schien er aber nicht zu
verspüren.
Mittlerweile war auch
die Straße von Menschen bevölkert. Alle schrien sich
gegenseitig an, die Sprache war immer noch unverständlich. Frau
Günther bohrte sich jetzt den Finger in die Augen, mit voller
Kraft, kein Blut floss und Schmerzen verspürte sie dabei wohl
auch nicht, genau wie Herr Lehmann. Der Mund von Herrn Hansen war
zu einem Grinsen bis fast an die Ohren aufgerissen, wobei er dazu
dann noch die Hampelmannbewegungen machte.
Als sich dann sein Mund
übermäßig weit aufriss hörte ich das Knacken der
Kiefer bis in die Küche…..
Das Radio empfing immer
noch nichts, ich drehte noch einmal am Sendeknopf, bis ich
schließlich doch ein paar leise Geräusche im Hintergrund
vernahm. Es waren Schreie. Männer- und Frauenstimmen, wieder
Schreie, dann Stille.
Bis auf das Rauschen.
Was war hier los?
Mir stockte der Atem
als ich ein heftiges Klopfen an der Terassentür vernahm. Als
ich zu ihr hinschaute standen dort, soweit ich es in der Dunkelheit
erkennen konnte, Herr Müller vom Haus gegenüber und Frau
Wedemeier. Sie nahmen dazu allerdings nicht die Hände sondern
wurden mit dem Kopf gegen die Scheibe gerammt, dazwischen knallten
ihre Köpfe auch ein paar Mal gegeneinander, es knackte laut,
ein dumpfes, hohles Geräusch...
Jeden Moment konnte die
Scheibe zerbrechen!
Ich hörte schon
das Glas splittern als die beiden plötzlich verschwunden waren.
Vorsichtig näherte ich mich der Tür. Seltsamerweise war
trotz der gewaltigen Kopfstöße kein Blutfleck zu sehen.
Nur Tote bluten nicht,
oder?
Aber Tote sind tot…Die
schreien nicht, die streiten sich nicht, die rennen nicht herum.
Und vor allem klingeln
sie nicht.
Ihr Schrillen ging mir
durch Mark und Bein. Ich wagte nicht darüber nachzudenken, wer
wohl um diese Zeit etwas von mir wollte….Allerdings waren ja
genug Menschen auf der Straße…
Vorsichtshalber rief
ich an der Haustür: „Wer ist da?“
Als Antwort kam ein
Kratzen an der Tür. Ein Kratzen von sehr vielen Händen
offensichtlich.
Und jemand grunzte und
stöhnte, ich konnte es nicht verstehen. Durch den Türspion
sah ich Herrn Hansen, der irgendetwas rief, angesichts der offenen
und anscheinend nicht mehr zu verschließenden Kiefer war es zu
undeutlich, klang aber in etwa so wie: „Komm raus, es ist
soweit“!
Machte keinen Sinn…
Voller Panik,
mittlerweile, stürzte ich ins Wohnzimmer und nahm das Telefon.
Irgendjemanden musste ich jetzt anrufen. Feuerwehr. Polizei. Wen auch
immer. Ich brauchte eine menschliche Stimme. Ich hatte plötzlich
das ungute Gefühl, ich wäre allein auf dieser Welt.
Der Letzte seiner Art.
Warum dachte ich jetzt
gerade an so etwas?
Die Leitung war tot,
irgendwie hatte ich das schon vermutet.
„Komm raus, es
ist soweit“.
Das ist kein Spiel.
Spielen ist anders. Spielen ist etwas Schönes.
Das hier war das
Grauen.
Ich schaute auf die
Uhr: Es war mittlerweile sieben und immer noch dunkel. Es hätte
schon längst heller sein müssen. Ich ahnte, dass es wohl
auch so bleiben wird.
Das Klopfen und Kratzen
wurde lauter, heftiger. Auch machten sich mittlerweile auch wieder
Herr Müller und Frau Wedemeier an der Terassentür zu
schaffen. Allerdings hatten sie jetzt noch ein paar andere Nachbarn
mitgebracht. Zwei von ihnen saßen auf meinen Gartenstühlen
und knallten unaufhörlich mit ihren Köpfen auf den Tisch.
Herr Müller schlug seine Zähne in den Pfosten der Pergola
und verbiss ich darin. Er riss große Stücke heraus und
fraß sie auf. Frau Wedemeier schrie: „Komm doch endlich!“
Ich rannte die Treppe
hinauf in das Obergeschoss. Ich öffnete das Fenster zu meinem
Arbeitszimmer und schaute hinaus.
Sie waren nicht nur auf
unserem Weg.
Sie waren überall
auf der Straße.
Irgendwo in der Ferne
hörte ich Polizeisirenen, oder Feuerwehrsirenen, was auch immer.
Ich war mir allerdings
nicht mehr sicher, wer in den Fahrzeugen saß….
Sie waren in der ganzen
Stadt.
Auf der ganzen Welt.
Die beiden Leute, die
neulich bei mir waren…vor zwei Tagen….die, die mir
etwas vom bevorstehenden Jüngsten Gericht erzählen
wollten…..Die beiden, die ich dann im Regen stehen ließ
mit der Bemerkung, ich hätte keine Zeit für so einen
Quatsch…
Ich musste jetzt an sie
denken.
Wie würde das
Jüngste Gericht aussehen? Das weiß doch niemand, oder?
Vielleicht hätten sie mir das ja erzählt und ich wäre
vorbereitet.
Aber nicht so. Nicht
morgens um sechs, vor dem ersten Kaffee…
Das Jüngste
Gericht.
Seit ein paar Minuten
fühle ich mich erleichtert.
Weiß nicht warum.
Das ist gut so.
Besser als Gänsehaut.
Ich nehme die Kanne,
gieße mir einen Becher voll ein. Dann greife ich den Becher und
schütte mir den heißen Kaffee über den Kopf. Das ist
lustig, ich spüre auch gar nichts. Es ist überhaupt nicht
heiß! Mein Mund reißt sich zu einem breiten Grinsen auf
und ich strecke die Zunge weit heraus, bevor ich heftig mit dem Kopf
auf die Arbeitsplatte knalle. Einmal, zweimal, immer wieder. Das
macht Spaß! Es fehlt jetzt sogar ein großes Stück
daraus. So heftig kann ich also mit dem Kopf aufknallen.
Und es kommt alles von
ganz alleine. Ich muss gar nichts machen. Ich fühle mich
plötzlich so leicht und unbeschwert. Nachdem ich mir den Inhalt
der Kanne auch noch über den Kopf gegossen habe öffne ich
das Küchenfenster, klettere auf die Fensterbank und springe
heraus.
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