HEIDELEICHEN - Gruselgeschichten aus der Lüneburger Heide und drumherum

Er war gleich tot...



Ich kann gar nicht so richtig sehen. Es sieht so aus als hätte jemand einen Fernseher auf die Seite gelegt. Alles um neunzig Grad gedreht. Aber erkennen kann ich alles. Alles, was vor mir ist. Den Bürgersteig, die Bordsteinkante. Meinen Kopf kann ich nicht bewegen. Auch spüre ich meine Arme und Beine, aber ich kann sie nicht koordinieren. Es tut überhaupt nicht weh. Und hören geht auch. Ich höre den Straßenverkehr, den Wind, den Regen. Spüre aber nichts. Höre nur alles und sehe. Hinter mir spielt sich etwas ab. Vor allem vernehme ich seit einiger Zeit laute Kotzgeräusche. Irgendjemand direkt neben oder hinter mir entleert seinen gesamten Mageninhalt auf die Straße. Ekelig. Gut, dass ich keinen Ekel verspüre. Es ist furchtbar hell plötzlich wegen dem Blaulicht und unerträglich laut wegen der Sirenen. Stimmen murmeln durcheinander, schreien etwas. Alles hinter mir. Ich scheine überhaupt nicht zu existieren!. Ich liege nur da, kann mich nicht bewegen, bin aber offensichtlich unverletzt. Warum kümmert sich keiner um mich? Und warum steht der da hinter mir und kotzt noch immer?

 

Die Erinnerung verblasst. Doch: Da war dieser unbeleuchtete LKW der Stahlbaufirma. Der, der die riesige Baustahlmatte auf der Pritsche hatte. Ich sehe sie noch auf mich zurasen. Ich bin darauf zugerast, genauer gesagt. Als ich die Abfahrt Lüneburg-Nord nahm, gleich hinter der Kurve, da stand er. Einfach so. Ohne Licht, ohne Vorwarnung.

 

Langsam wird es dunkel, alles wird leiser. Aber es tut nichts weh. Ich spüre überhaupt nichts.

 

Ich spürte auch nichts, als ich wohl mit voller Wucht gegen diese Baustahlmatte raste. Ich flog. Flog wohl über das Führerhaus des LKW und landete auf der Straße. Jetzt liege ich hier, irgendwie auf der Seite und starre in den Rinnstein. Sehe, wie eine dicke, rote Flüssigkeit und alles Mögliche im Gully abfließt. Aber nichts mit Ekel. Gar nichts.

 

Und der hinter mir kotzt immer noch.

Und warum hilft mir keiner?

Was machen die da hinter mir?

Warum kümmert sich niemand um mich?

Ich kann ja nicht mal schreien, weil ich weder den Mund noch sonst was bewegen kann.

 

Ich sehe mittlerweile gar nichts mehr. Taub bin ich auch geworden. Dunkel ist es. Und still. Wie auf dem Meeresgrund.

Und warm.

Und…

 

„Mensch Schneider, jetzt beruhigen Sie sich endlich. Das ist ja nicht zum Aushalten. Und vor allem muss ich auch gleich kotzen, wenn Sie nicht langsam damit aufhören.“

Sorry, Chef, aber ich hab ja schon einige Verkehrsunfälle gesehen. Aber das hier war dann doch ein bisschen zu viel. Als ich seinen Kopf im Straßengraben fand, die Augen weit geöffnet…Er sah aus, als lebte er noch. Die Baustahlmatte hat ihn genau in Kopfhöhe erwischt. Hat ihn abrasiert. Und der Rest hängt da irgendwo unter dem LKW. Neee….Das ist zuviel für mich heute.“

 

„Der Arzt sagt, er war sofort tot. Ach, da fällt mir was ein Schneider: Ich hab neulich mal irgendwo gelesen, dass Geköpfte, kurz nachdem Ihr Schädel fällt, noch alles sehen und hören können. Für Sekunden nur. Weil das Gehirn das noch gar nicht registriert hat. Und weil ja das Blut noch im Kopf ist. Ziemlich gruslige Vorstellung, was, Schneider?“

 

„Mensch Schneider! Was ist los? Sie kotzten ja schon wieder!“

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